|M|    |J|












August 2013 ... August 2020: leichte Routen, griffiger Fels

Der Peißenberger Alpinklettergarten


In einem abgelegenen Winkel der heimischen Ammergauer Berge liegt der Peißenberger Alpinklettergarten. Es dominiert geneigte Wandkletterei, an Fels, der infolge der über Jahrtausende einwirkenden Kraft des Wassers zu richtigen Henkelparaden aufgepimpt ist...




Der Plan zu einem "Peißenberger Klettergarten" entstand im Frühjahr 2007: erstmalig kam damals der Kurs "Sicherungstechnik Fels" zustande. Nach ersten Felskontakten sollten Andi und Michaela - beide Kursteilnehmer - eine alpine Route in Wechselführung gehen. Ich würde eine erste Seilschaft - als "Orientierungshilfe" sozusagen - in der gleichen Route führen.

Schwierigkeit und Absicherung paßten, aber die Felsqualität ließ stark zu wünschen übrig: immer wieder lange sprittrige Passagen, feinbrüchig, grobbrüchig bis hin zu immer wieder kopf- und auch bierkastengroßen, lockeren Brocken. Puuhhh...


Ramona in der 4ten Seillänge der Route "Weihwasserkessel". Große Griffe, nach nächtlichem Regen wassergefüllt, waren namensgebend...


Als schließlich alle oben waren, begannen meine Nerven sich wieder langsam zu erholen. Und irgendwo zwischen dort oben und dem späteren Bier auf der Hütte verfestigte sich die Vor­stellung: mit Novizen Klettern gehen - ja, klar: aber wohin? Mo­derate Schwierigkeiten, 4, 5, vielleicht auch 6 wären angesagt, gut gesichert (was immer das auch heißt) und vor allen Dingen: kletterfreundlicher, fester Fels. Etliche benachbarte Routen, Mehrseillängenrouten sollten zumindest dabei sein, "alpine Um­gebung" wäre ein Wunsch und keine sooo lange Anfahrt viel­leicht auch noch. Wenn es ein solches Gebiet nicht gibt: man könnte sowas ja auch einrichten, freilich müßte ein geeignetes Gelände erstmal gefunden sein...


   
Robert in der 2ten Seillänge von "ois-isi". Nach dem Start in die 2te SL nimmt die Tour eine kurze Namenspause :-))


Am 17. August 2013, Wochenende, herrschte allerbestes Wetter und es war wie verhext: niemand hatte Zeit zum Klettern. So ging ich wieder einmal "zum Sichten". Ich wollte schon wieder einmal erfolglos zur Hütte trotten, da kam ich an einer langgestreckten, geneigten Wand vorbei. Irgendwie sah sie recht vielversprechend aus. Und das gerade einmal 30 Autominuten von Peißenberg entfernt. Kamera ge­zückt, Bilder gemacht. Und - taugt das was? Ist das lohnend, ist hier das, wonach ich lange Jahre gesucht habe?



Bild links: Ingrid in der 2ten Seillänge von "Magnesia, nein danke". Für's dritte Mal am Fels: auch net schlecht...


Doch wieso lang sinnieren: schon am darauffolgenden Wochen­ende fuhren Manni, ich und zwei schwere Rucksäcke dorthin, um einzuchecken. Wir begannen im hintersten Winkel und stapften, anders kann man es nicht sagen, in Fels von ver­schwenderischer Griffigkeit nach oben. 25 Meter, 5-, völlig kompakter Fels, kleiner Absatz, erster Stand. Was will man mehr?

Vom Stand weg führt ein System rauher Wasserrillen über einen Aufschwung, 5+, bei dem man ein, zwei Mal schon zupacken muß. Nach ein paar Metern über dem Standhaken stehe ich auf einem Absatz in der Wasserrille, Haken setzen.

Ab sofort wird es nicht mehr schwerer als vierter Grad über rauhe, griffige Platten. Knappe 30 Meter, 4, Stelle 5+, bom­ben­fester und unabschmierbarer Fels. Die nächste Seillänge wird mit 4- noch leichter, 20 Meter, Stand auf Absatz, Tour fertig.




Von diesem 3ten Stand ginge es auch noch ein gutes Stück weiter. Doch bei genauem Hinsehen verriet der Fels hier seine ammer­gauer Herkunft, die für zweifelhafte Qualität bekannt ist. "Bis hierher und nicht weiter" - diese geflügelten Worte bekamen heute und auch bei allen weiteren Routen ihr Recht.Anstatt verkrampft noch die eine oder andere wenig schöne Seil­länge anzuhängen, machen wir Schluß, sobald die Felsqualität nachläßt oder gar ins Brüchige übergeht. Abseilstand eingerich­tet, zurück zum Wandfuß, und dem Lockruf des Hüttenbieres folgen...



links: Stefan in der 2ten Seillänge der Route "Henkelspaß". Der Routenname paßt. Okay: sagen wir auf 95% der Kletterstrecke...

rechts: Andrea startet in die Flugverbotszone von "fei schee". Es folgen Griffe und Tritte im Überfluß. Aber wage ja nicht, hier abzugehen...




Jede Tour braucht einen Namen und oftmals ist die Sucherei mit einigem Gewürge verbunden. Heute war es einfach: genau so hatte ich mir die Wunschrouten vorgestellt und offensicht­lich war hier noch Platz für etliche Routen. "Auftakt nach Maß" traf die Zufriedenheit mit dem heutigen Tag auf den Punkt und war daher der perfekte Routenname.

Neben Manni kamen noch Tommy, Mike, Andrea, Kathi, Caro und Heike mit zum Einrichten. Derzeit existieren 18 Mehrseil­längenrouten und insgesamt 58 Seillängen bei Schwierigkeiten von 3 bis 8.
Darunter ist "fei schee :-)" mit 5 SL, 4+ die leichteste und "Das donnernde Finale" mit 4 SL, 8+ (7+/A0) die schwierigste Route im Gebiet.

Für die Routen aus dem Jahr 2014 beanspruchen wir zudem ein Quant Heldentum für uns, denn es war jedesmal naß und unahngenehm kalt :-)

Die nordseitige Ausrichtung tat damals ein übriges - im Jahr­hundertsommer 2015 erwies diese sich dafür als genial...





oben: Andrea in der linken Variante von "Aller Anfang ist schwer". Kleine Griffe, feine Tritte, aber davon genug. Für Flugversuche am Beginn der 2ten Seillänge ist die Mitnahme von einem Quadratmeter Pflaster ratsam...

rechts: Nico im "Eistanz" - die beste Stelle ist nach der Schlüsselstelle :-))






Dabei darf man sich im Grund nicht zu sehr über die Nässe beklagen: auf weite Strecken ist der Fels durch die Wirkung des Wassers unabschmierbar rauh, mit Rillen, Henkeln und Griff­formen unterschiedlichster Art. Nicht zu vergessen: "eigentlich" klettert man stets an ammergauer Bruchfels, der Abtrag durchWasser scheint jedoch schneller zu erfolgen, als das brüchig werden durch Frostsprengung. Neben dauerhaft nassen, brüchi­gen Tabubereichen entstanden so ausgesprochen kletterfreund­liche Felszonen, die wir jetzt frech in "Peißenberger Alpinkletter­garten" umgetauft haben.



"Peißenberger...":   weil wir alle von hier kommen. Und weil wir gerade "unsere" Novizen nach der Halle mitnehmen möchten, um sie in einem ruhigen Gebiet an das Klettern in alpinem Ambiente heranzuführen. Das ist im Übrigen auch der Grund, wieso hier auf der Seite zwar die Touren beschrieben sind, aber nirgends steht, wo die Felsen genau liegen. Findige Zeitgenossen bringen trotzdem in Erfahrung, wohin sie müssen - aber zumindest auf dem Silbertablett servieren wir das Gebiet nicht :-)

"...Alpin...":   zum einen natürlich, weil sich das Gebiet in alpinem Ambiente mit einer guten Stunde Zustieg befindet. Zum anderen aber auch, weil "Alpinklettergarten" nicht mit "Bohrhakenrassel" zu übersetzen ist. Die nächste Sicherung kommt im Regelfall nicht nach zwei, drei Metern - es sind häufig eher vier oder fünf oder gelegentlich auch einmal mehr.

"...Klettergarten":   als fixe Sicherungspunkte wurden nur Bohrhaken verwendet (aufgrund des leichten Geländes sogar nur extra lange Haken). Es werden keine Klemmkeile benötigt, die aufgrund des kompakten Felses auch kaum anzubringen sind. Zusätzliche Sicherungspunkte wie Zacken- oder Sanduhrschlingen sind in der Regel bereits angebracht: eben typische "Klettergarten­absicherung".



oben: Kathi in der 4ten Seillänge von "Eistanz". Erster Vorstieg in alpiner Umgebung - genau dafür ist das Gebiet gedacht. Bild rechts: Heidi findet "ois isi"


oben: der Fels ist häufig helblau, grau, weiß gesprenkelt, ähnlich der Bemalung eines Erlkönigs, für den Autofocus so mancher DigiCam die ultimative Herausforderung...
links: Mike beim erfolgreichen Test des Erlkönigeffekts
rechts: Andrea an der Schlüsselstelle von "fei schee".

Zum Glück kann man so lange verkleinern, bis die Bilder trotzdem scharf erscheinen :-))

Und bevor du auf der Suche nach dem nächsten Haken zu fluchen beginnst: denk' an den Erlkönig und schau direkt vor deine Nase :-))




Felsen, Klettern, Schwierigkeitsgrad, Bohrhaken, Seillängen...  natürlich sind das wichtige Begriffe, wenn über ein Klettergebiet gesprochen wird. Aber es gibt weitere Stichwörter, die auch hierher gehören: Blumenvielfalt, Ruhe, Gamsherden, Hüttenbier:

Wir starten von einer Hütte in einem sehr wasserreichen Gebiet (den nahegelegenen Wasserfall zu besichtigen - dafür hat's bei mir allerdings noch nie gereicht). Nach einem kurzen Waldstück folgen abwechslungsreiche Blumenwiesen, Bäche, ja und ein steiniger, zugegebenermaßen etwas lästiger Aufstieg zu einem Sattel (50 min ab Hütte).
Jenseits hinunter und nach weiteren 20 min steht man vor be­sagter langgestreckter Wand. Weglos quert man eine Karwiese, die 2013 bis etwa halb unter die Wand ging. In der Zwischenzeit hat sich die Vegetation bis fast an den Wandfuß ausgebreitet. Im Spätsommer blickt man - Eisenhut-sei-Dank - auf ein Blumen­meer in tiefem Blau.

Gemsen auf einer Karwiese ist im Grund nichts Besonderes. Aber so große Herden wie man sie hier gelegentlich sieht? Einmal - ich konnte sie nur schätzen - waren es sicher weit über 100 Tiere...



Je nach Jahreszeit blühen die unterschiedlichsten Bleamen...


So, alpine Idylle, Blumenwiesen hin und Seillängen her: jetzt ist ausgeschnattert - wir wünschen euch viel Spaß im Peißenberger Alpinklettergarten...


Grüße, Hans