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häufige Unfallursachen

Google sei Dank

Vor kurzem (★) habe ich die Suchbegriffe "Kletter" und "Unfall" eingetippt und mich dann seitenweise durch die Treffer gekämpft. Das Ergebnis war im Grund nicht überraschend, man kann es so oder so ähnlich überall lesen - aber mit Google kann es jeder Fall für Fall nachvollziehen.

Die Unfälle können in verblüffend wenige, halbwegs gleich große Klassen eingeteilt werden:

    - Unfälle beim Abseilen
    - Klettern ohne Helm
    - Sicherungsfehler und/oder Unkonzentriertheit
    - sonstige Ursachen

Vielleicht vermißt hier jemand den Sturz als Unfallursache. Stimmt - würde ein Kletterer niemals stürzen, so würden sich sehr viel weniger Unfälle ereignen. Dieses Fehlen ist so zu lesen: beim Klettern verwenden wir ja Seil und Haken, um im Fall eines Sturzes einen Unfall zu verhindern und Verletzungen im glimpflichen Rahmen zu halten. Sehen wir vordergründig einen Sturz als Ursache, so fragen wir weiter: wieso erfolgte ein Sturz und wieso verlief er so gravierend, daß wir von einem "Kletterunfall" sprechen.


Wieso passieren so viele Unfälle beim Abseilen?

Ehrlich gesagt - ich glaube gar nicht, daß es zahlenmäßig wirklich so ist. Aber: wenn beim Abseilen ein Unfall geschieht, dann ist das in der Regel mit einem Sturz über große Höhen verbunden. Ein Sturz mit Bänderriß oder Schienbeinbruch wird ja eher selten einen Google-Treffer abgeben. Aber zwanzig, fünfzig, hundert Meter - über die Folgen muß man nicht groß sinnieren. Weil es zumeist katastrophale Folgen sind, rücken Abseilunfälle so weit nach vorne.


1992 war nach etlichen recht mageren Jahren ein richtig erfolgreicher Bergsommer. So waren wir Anfang Juli an der Messner am zweiten Sellaturm. Die zweite Seillänge, eigentlich 6er, 7er-Gelände, aber wenn man weiß wie weit hoch, wann wie weit rechts und wann wieder zurück, dann ist es nur 5+. Haken oder sonstige Orientierungspunkte gab es nicht, aber Michi Olzowy kannte die Tour und führte die erste Seilschaft. Ich merkte mir den exakten Routenverlauf. Tatsächlich - genauso geklettert und alles ging absolut easy! Die ganze Tour war nur geil und bis wir uns versahen, waren wir durch und wieder unten.

Wir nutzten den Tag für eine zweite Route - diesmal sportklettermäßig abgesichert. Zugleich meine erste alpine Route im 7ten Grad - der Urlaub war einfach genial. Am Ende der Route seilt man das Ganze wieder ab. Ich war eben dabei das Seil umzusortieren...

Da wundere ich mich, wieso meine Selbstsicherung so seltsam am Stand hängt: ja - weil sie nur am Stand, aber nicht an mir hängt!!! Ich war die ganze Zeit ungesichert am Hängestand. Ich hatte die Standplatzschlinge nicht direkt in den Gurt, sondern in den Anseilknoten geschlungen und anschließend mich ausgebunden...

Schnell den Fehler korrigiert, das Herzklopfen kurz noch abklingen lassen, runter. 120 Meter Freiflug - jetzt ja nicht nachdenken, was das bedeuted hätte. Ein bissl Sommerwärme, ein bissl Müdigkeit und jede Menge Endorphine: die beinah tödliche Mixtur…

2005 ereignete sich im Alpsteingebiet, CH ein Abseilunfall, bei dem drei Kletterer ums Leben kamen. Die Rekonstruktion ergab, daß drei Standhaken sukzessive nacheinander ausgebrochen waren. Sie waren anstatt Ausgleichsverankerung mit irgendeinem Pfusch verbunden.

Bild
Im obigen Bild sehen wir ein ähnliches Beispiel, eingerichtet anno 2009. Wir lassen dahingestellt, ob man heutzutage noch Abseilstellen mit Normalhaken, richtiger gesagt alten Rostraketen einrichten soll. Wir erkennen, daß der linke Haken direkt in Auszugsrichtung belastet wird. Zudem wurde anstelle eines Kräftedreiecks ein Ring geknotet, der die Haken zusätzlich mit einer Querbelastung streßt.

Dem Einrichter gehört, mit Verlaub gesagt, sein Bergführerpatent um die Ohren geschlagen. Und sich auf solchen Mist auch noch etwas einzubilden…

Bild
ca. 2009 fand ich das obige Foto auf der homepage der Tiroler Bergrettung. Eine alpine Route wurde mit einer neuen Abseilpiste versehen und die Einrichter wollten sich mit dem Artikel ein wenig selbst feiern: ein Anliegen, das nach getaner Arbeit auch absolut okay ist!

Dabei ging aus dem Kontext zwar nicht mit 100, aber doch zu 99 Prozent hervor, daß das Foto im Zug der Einrichtung entstand.

Aber dann dieses Bild. Leute! Seid ihr denn völlig wahnsinnig? Fünf Fehler in einem Bild - das muß man wirklich erst einmal bringen. Wieso gibt es eigentlich so wenig Unfälle beim Abseilen?


Klettern ohne Helm - im Klettergarten ist es die Regel, im alpinen verpönt. Wie Google zeigt, gibt es auch im Klettergarten eine respektable Häufigkeit von Steinschlag aller Geschoßklassen. Und Stürze allen Kalibers sowieso. Unkontrollierte Stürze - und spätestens nach Zwischenaufschlag auf einen Felsvorsprung wird einer daraus - enden schnell mit üblen Kopfverletzungen und nicht selten lebenslangen Folgen.

Zumindest dem Felsnovizen, der sein Sturzrisiko in einer Route schwer einzuschätzen vermag, möchte ich unbedingt raten, zumindest in der Anfangszeit kompromißlos mit Helm zu klettern. Vermutlich verhält es sich ähnlich wie beim Abseilen: weniger die Häufigkeit, sondern die Schwere der Folgen bringen Kopfverletzungen beim Klettern ohne Helm so hoch in die Trefferliste.


Mitte der 90er Jahre war ich mit Gerhard, einem alt­gedienten Konstein-Veteranen am Dohlenfelsen. Wir legten den Rucksack ab und schickten uns an, den Jokerweg zu klettern. Neben uns stieg eine Seilschaft in die Solleder ein. Dem Nachsteiger sah man an, daß er Streß hatte, wahrscheinlich unten schon den Aus­stiegsüberhang fürchtete…

Wir waren gerade am Losklettern, da sahen wir unten an der Straße - ja iss das net der - äh - Dings? Er war es und kam den Weg zu uns hoch. Viele Jahre hatte ich den - äh - Dings schon nicht mehr gesehen. Wir legten das Seil zur Seite, stellten uns etwas bequemer hin und ratschten.

Wir standen jeder vielleicht zwei Meter von den ande­ren entfernt - da gab es ohne Vorwarnung einen dumpfen "Blobb". Wie ausgezirkelt schlug genau in unserer Mitte ein faustgroßer Stein aus ca. 50m Höhe ein.

Zefix! Natürlich - der gestreßte Kletterer. So abge­klet­tert kann eine Wand gar nicht sein, daß ein ge­streßter Kletterer nicht doch noch irgendwo einen lockeren Stein findet. Ich hatte ihn genau deshalb die ganze Zeit schon argwöhnisch beobachtet.

Aber wegen des Dings hatten wir eine kurze Auszeit vom Klettern genommen. Doch wir hatten vergessen, uns ordnungsgemäß beim Klettern abzumelden. Un­mißverständlich, aber doch noch einmal gnädig hat uns das Klettern daran erinnert, daß es so nicht geht…


Sicherungsfehler und Unkonzentriertheit haben beim Klettern nichts verloren, da gibt es nichts zu diskutieren. Diese Klasse von Unfallursachen ist bei Anfängern und in Kletterhallen überproportional an­zutreffen - ich meine, auch das ist irgendwie selbst­erklärend.
Zur Ergänzung habe ich einige Artikel aus Berg und Steigen hier eingestellt, die sich schwerpunktmäßig mit Hallenklettern beschäftigen, aber sinngemäß allgemein für’s Klettern gelten.



Wir schreiben 1982, im Jahr nach meinen ersten, ge­legentlichen Kletterversuchen war ich mit Rainer in Schönhofen bei Regensburg. Ich stieg eine Route vor, Rainer kam nach. Zuletzt wird die Tour recht einfach und Rainer machte ein paar schnelle Züge. Ich zog das Seil zügig ein, da verwandelte sich der Halbmast­wurf in zwei Kringel - und mehr war er nie gewesen.

Zu meiner Ehrenrettung wäre noch zu sagen: zur da­maligen Zeit wurde zwar gelehrt Knoten zu machen, aber nicht, sie auch zu kontrollieren. Die Zeiten waren noch etwas anders und Klettern schon noch ein bissl heroisch :-))

Klar: das war ein typischer Anfängerfehler, es ist noch einmal gutgegangen, nix passiert. Aber meinen HMS-Knoten kontrollieren - das mach' ich auch heute noch jedesmal…


Anno 2000, in meinem 19ten Kletterjahr machte ich eine Ausbildung zum Hallenfuzzi. Der Lehrgang ende­te mit einer Kletterprüfung. Barbara, eine Teilnehme­rin, bekam punktgenau zur Prüfung das heulende Elend, obwohl sie - gemessen an der geforderten 7- jenseits von Gut und Böse kletterte.

"Komm, wir klettern zusammen, ich klettere als erster, dann kannst du nochmal zusehen, ich kann dir auch den einen oder anderen Zug zeigen oder erklären - geht scho".

Gesagt getan. Die zweite Route war knifflig. Ich habe gesichert und bin in Gedanken Zug für Zug mitge­klettert. Bis ein umstehender Teilnehmer meinte: ja was machst denn da?

Vor mir lagen drei, vier ausgegebene Meter Seil. Ich bin nicht nur in Gedanken, sondern auch in Form von Handbewegungen mitgeklettert, als wollte ich sie mit dem Seil hochschieben. Fehler bemerkt, korrigiert und Barbara hat die Tour natürlich gepackt. Konzentriert ja - aber auf das falsche Ziel…


Irgendwann in 2002 traf ich bei uns in der Halle den xxx. Ich kannte ihn schon seit Jahren, xxx war ein erfahrener, zuverlässiger Kletterer und ab und zu war er hier in Peißenberg. Wir kletterten zusammen, und ich dachte so für mich: "hmm - der xxx iss aber alt geworden". Irgendwie wirkte er heute so.

Ich kletterte dann diese blaue Tour. Weil in der Nach­barroute Uschi unterwegs war, wartete ich kurz, weil wir uns ansonsten in die Quere kämen. Bei Zeit dann losgeklettert, und Punktlandung: Sekunden nach Uschi clippte ich den Umlenker und wurde abgelas­sen. Doch vielleicht drei Meter über dem Boden fiel ich plötzlich und ohne Grund wie ein Stein auf den Boden. Da das ohne jede Vorwarnung geschah, konnte ich nicht mehr reagieren und kam zum Glück mit zwei kräftig geprellten Fersen davon.

xxx hatte mich gesichert, mich synchron zu Uschi abgelassen und als sie am Boden stand, das Brems­seil losgelassen. Für einen kurzen Moment war sein drittes Ich der Ansicht, daß er Uschi, nicht mich am Seil hat. Konzentriert ja - aber auf das falsche Ziel :-))


Hier eines meiner besten Kletterfotos: unter Freunden oder Bekannten habe ich des öfteren das Bild gezeigt um das Alter der jungen Frau schätzen zu lassen.

Zwischen "18" und "Anfang 30" lagen die Vorschläge. Weit gefehlt: wir sehen hier keine junge Frau, auch keine Jugendliche, wir sehen ein Kind.

"Volle Konzentration beim Klettern" kann in Worten nicht halb so prägnant ausgedrückt werden, wie durch dieses Foto. Volle Konzentration - genau das nimmt dem Gesichtsausdruck alle kindlichen Züge.

Es gibt keinen wirksameren Gegner von Flüchtigkeits­fehlern, Sicherungsfehlern als eben dieses "volle Kon­zentration beim Klettern".

Ist man wie hier in Mehrseillängenrouten unterwegs, so ist man vor der häufigsten Form der Unkon­zentriertheit weitgehend geschützt: der Schwatz­haftigkeit. Sie bleibt Klettergärten und, noch schlim­mer, den Kletterhallen vorbehalten!



Sonstige Ursachen - das ist nur ein anderes Wort für "unstrukturiertes Sammelsurium an sich be­kannter Fehler, aber auch teilweise skurriler Einzel­fälle bis hin zu einfach nur Un-Glück".

Praktisch wäre eine Liste aller denkbaren und ge­machten Einzelfehler, um sie dann selbst leichter zu vermeiden. Am ehesten findet man eine solche Aufzählung mit Pit Schuberts "Sicherheit in Fels und Eis" (martialische Bilder können einfach überblättert werden, nützlich sind sie eigentlich nicht).



Im Sommer 1985 war ich im Donaudurchbruch bei Weltenburg beim Klettern. Zum Abschluß noch eine Tour, zu der man von oben abseilt. Ich war gerade dabei, eine Sanduhr zum Abseilen zu fädeln, als plötzlich irgendetwas komisch war. Wieso rast da ein Busch auf mich zu? Ich höre mich "hoppala" rufen, ein zweiter Busch mit zwei, drei dünnen Ästen folgt und ich bleibe daran hängen.

Offenbar war ich die Felswand hinunter gestürzt. Der zweite Busch war auch die letzte Gelegenheit den Sturz aufzuhalten, denn es folgt eine steile, glatte Platte und dann geht es zwanzig Meter senkrecht hinunter. Kurz zu mir kommen, konzentrieren, die sieben, acht Meter hochklettern - und dann heim!

Was eigentlich geschehen ist, weiß ich bis heute nicht. Abgerutscht, ein Tritt ausgebrochen, oder oder oder. Eine "sonstige Ursache", glimpflich überstanden. Aber sauknapp war’s scho…


In einer Kletterhalle ereignete sich 2007 ein folgen­schwerer Absturz beim Ablassen eines toprope ge­sicherten Kletterers. Was war geschehen ?

In der Halle waren mehrere Routen mit Toprope-Seilen ausgestattet, am Ende mit Achterknoten und Karabinern, die zusätzlich mit Kabelbindern in der Seilschlaufe fixiert waren. Ein unbekannter Benutzer hatte aus unerfindlichen Gründen die Karabiner aus der Befestigung herausgewuzelt, und sie danach wieder zurückgetan. Allerdings hat er sie nur durch die Kabelbinder gesteckt, nicht zurück in die Seil­schlaufe.

Die Verunglückte hat diesen Unterschied nicht be­merkt, beim Ablassen rissen die Kabelbinder sofort...


Eines Abends im Herbst 2009 war ich wieder einmal in der Halle zum Klettern. Sofort fiel mir eine Dreiergruppe auf, bei denen die einzige Frage war, wer der größte Depp von ihnen war. Ich kenne meine Pappenheimer, und bei solchen Typen nutzt keine Intervention, sie sind einfach zu dämlich. Tritt in den Arsch vielleicht, aber auch das ist sinnlos, denn sie waren einfach zu blöd. Ich war heilfroh, als sie endlich abzogen, ohne daß etwas passiert war.

Als sich der Hallenabend dem Ende zuneigte und alle gingen, erzählte ich Herbert beim Gehen zur Umkleide von dem Idiotentrio und daß man sie eigentlich mit einem Ochsenfiesel hinausprügeln hätte müssen...

Saudepperte Idioten, saudepperte? Stimmt: am An­fang hielten sie sich oben am Toprope-Seil auf. Ich redete nicht weiter, ließ Herbert stehen und rannte nach oben. Mir war der zuvor zitierte Unfall aus 2007 in den Sinn gekommen. Und ihr glaubt nicht, was ich vorfand: anstelle des lupenreinen Achterknotens, in dem zwei Augenkarabiner steckten, war nur ein Gebollere. Die Karabiner steckten in einer Schlaufe, doch der Gegenstrang war nur irgendwie in das Gebollere gesteckt und nur mit zwei Fingern, ohne Kraftaufwendung konnte die Schlaufe aufgezogen werden. Saudepperte Idioten, saudepperte.

Leck mich am Arsch, waren wir da knapp vor einer Katastrophe!


Kurse, Inhalte und Kursskripte: fertig sind sie nie und das ist auch gut so. Für ein Update mache ich Fotos von Karabinern, Expressen, usw. als Grundlage für neue, bessere Graphiken.

Meine aktuellen Exen sind irgendwie "komisch", auf keinem Bild ist ein Herstelldatum zu erkennen. Gut, sie sind alle erst letztes Jahr neu in Arco bei "Redpoint" gekauft. Aber komisch iss's scho...

Bild Ich mache ein Foto und sende es noch in der Nacht an den Hersteller. Am nächsten Morgen finde ich eine mail von Peter Manhartsberger (AustriAlpin), der sinngemäß schreibt: "ich bin ja schon lange hier, aber dieses Produkt muß uralt sein, es ist mir völlig unbe­kannt". Ich solle die Schlingen sofort entsorgen.

Beim Kauf hatte das Zeug das Ablaufdatum bereits um viele Jahre überschritten. Etwas neu kaufen um es dann unmittelbar danach wegwerfen zu dürfen. Danke Redpoint - super eingefädelt.

Dummheit, Schlamperei bis hin zu krimineller Energie: Bergsportbusiness, die kaum bekannte alpine Gefahr.




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Bei der Formulierung "vor Kurzem" sollte ich dazu sagen, daß diese Zusammenstellung in der ersten Version aus dem Jahr 2008 stammt :-)