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August 2018: Klettern in Traumfels - Abenteuer Schwarze Wand

Das Jubiläumsbuch

An irgendeinem Tag im Sommer 2010 herrschte mit­telmäßiges, aber nicht bodenloses Wetter. So stapfte ich durch die Höllentalklamm zum Höllentalanger und zur Einkehr auf der gleichnamigen Hütte. Von einer "schwarzen Wand" war im alten Wettersteinführer zu lesen, von gutem Fels wurde berichtet, aber nur von einer einzigen Tour. Ob da wohl noch was ginge?

Einen kleinen Fotoapparat hatte ich dabei, das Wetter war schlechter als nur "mäßig", aber für ein paar Bil­der der umstehenden Wände hat's gereicht.



Aber der Hammer: was war denn das für eine Wand?

Eine Wand wie ein Strich! Kompakt, senkrecht, immer wieder Überhänge... Ob da was ginge?

Zu Hause die Fotos studiert - und was war das? Vor Ort aus der Entfernung für das bloße Auge nicht er­kennbar, schien es, als hinge da ein Fixseil, das mitten durch die Wand verlief. Es verging einige Zeit und ich zeigte die Bilder im Bekanntenkreis.

"Daaa möchtest du..." So erfuhr ich von "Aufgeben ist nicht die Aufgabe", einem mittlerweile ewigen Projekt von Stefan Glowacz, oder von einer "Black Beauty", und daß dort der zehnte, elfte Grad angesagt ist. Nein, daaa wollte, besser gesagt konnte ich sinnigerweise nicht...

Es vergingen ein paar Jahre.

Und wenn's vielleicht doch net so schwer wär'?

Irgendwie wollte sich dieses Prinzip Hoffnung nicht unterkriegen lassen. "Und wenn der Franz dabei wäre, dann iss ja schon noch Luft nach oben."

Der Franz willigte ein. Im Frühsommer 2014 stiegen wir ein erstes Mal in die Wand ein. Dem Einstiegs­band folgten wir knappe zehn Meter, danach steil und geradlinig nach oben. Sehr griffig sah alles aus und oftmals, dort wo kurze Risse vorlagen, stimmte das auch.

Ist das noch 6+? Egal: schon in den ersten echten Klettermetern setzt die Wand schon mal eine Duftmarke.

Der Lochwandcharakter - wonach es von unten aus­sah - ließ allerdings sehr zu wünschen übrig. Aus der Nähe betrachtet blieben von den Löchern nur enttäu­schende Dellen übrig, und nicht einmal eine g'scheite Kante hatten sie.

Obwohl sie eine der leichteren ist, kostete gleich die erste Seillänge ein gutes Quant Vorstiegsmoral: ein­fach vom Haken wegklettern, im Vertrauen darauf, daß schon wieder eine Bohrposition kommt. Dazu passend: abgerundet wird die Länge durch einen un­gemütlichen Hängestand im aufsteilenden Gelände.

Vom Stand linkshaltend höher, gar nicht so leicht. Gleich einen Haken? Nein, weitersteigen bis zur näch­sten Bohrposition! Gut gesichert, aber keine Haken­rassel war die Devise.

Die Seillänge zog ganz schön an und einige Haken lassen sich richtig schwer setzen. Immer gerade wei­ter: zuletzt an einem Überhang ein paar Züge nach rechts ausquietschen, bequemer Stand auf Podest.

im unteren Drittel der 2ten SL

Noch zwei Haken in der dritten Seillänge gesetzt, danach war unklar, wie es am besten weiter geht. Zurück zum Stand und das war's für heute. Unten und aus der Entfernung würde man das besser erkennen.

noch ein paar Züge bis zum ersten Haken der 3ten Seillänge

Termine, Termine: das nächste Mal an der schwarzen Wand war ein Jahr später, im Sommer 2015. Die dritte Seillänge erwies sich als luftig, aber bis auf eine Stelle nicht besonders schwer.

einmal muß man auch in der 3ten Seillänge beißen...

Das änderte sich in Nummer vier: das Anbringen der ersten beiden Haken erwies sich als extrem kraft­raubend: wie schon in der zweiten Länge bis kurz vor dem Erbrechen.

Eine kleine Zange - Franz hält sie oben in der linken Hand - mußte als Bohrgriff herhalten.

Gleich beim ersten Haken wollte ein Cliff an einem Nichts einfach nicht halten. Um Zentimeter flog der Felshammer an Franz's Kopf vorbei.

steil, luftig, schwer: die 4te Seillänge aus anderer Perspektive



Aber gottseidank: danach noch ein paar schwere Meter und die Seillänge wird zunehmend leichter. Luftig, aber entspannt ging es zum vierten Stand.

Franz erreicht leicht rechtshaltend den gutgriffigen Teil der 4ten Seillänge

Eigentlich - so war der Plan - sollte es vom Stand nach links weitergehen, was auch nicht besonders schwer aussah. Aber danach nach oben weiter - das sah überall sehr böse aus. Wir wollten die Route nicht verbohren, deshalb an dieser Stelle wieder hinunter und später aus der Entfernung Wand und Wandfotos studieren.

Bis zum nächsten Mal dauerte es ein weiteres Jahr. Mittlerweile war es bereits anstrengend, bis zum Umkehrpunkt zu gelangen.

"Vom Stand gerade hoch und in einer Rechts-Links-Schleife auf ein schmales Band. Von dort links und in möglicherweise sehr leichtem Ge­lände zu einem sperrenden Bollwerk..."

So hatten es zumindest Wandfotos nahegelegt. Vor Ort stellte sich das so dar: vom Stand weg war es wohl nicht allzu schwer, aber von den Überhängen tropfte es herab. Was da daherkam war kein Wasser, wie ein lehmiger Baatz lag es auf dem Fels und wartete auf mich. Beim letzten Mal war hier nichts, und auch in allen späteren Begehungen war hier alles sauber.

Heute, als das Teilstück fallen sollte, wieß uns die Wand mit widerlichem Schleim ab. Im Überhang den ersten Haken gesetzt und dann begann ein Spiel, das von den ersten Längen schon bekannt war: was aus der Entfernung aussah wie eine bombastische Lochwand mit Griffen in Hülle und Fülle, das war - aus der Nähe betrachtet - eine Ansammlung von Nichts.

leider läßt das Bild nicht annähernd erahnen, wie überhängend das Gelände ist...

... und vor Ort checkt man auch nur, daß jeder Griff sauschwer zu halten ist. Erst beim Abseilen nehmen die Augen wahr, welches Monster auf Dich wartet :-))

das Monster pumpt Franz' Backen schön auf

Dieses Stück Fels vor mir war viel viel schwerer als alles, was ich jemals geklettert bin. Sechs Haken später erreichte ich nach einer Rechts-Links-Schleife ein schmales Band und setzte einen Zwischen­haken.

"...von dort leicht links weiter und in mög­licherweise sehr leichtem Gelände..."

So war der ursprüngliche Plan und tatsächlich: links zog ein stumpfer Riß hoch, bestimmt kaum schwerer als 6+, danach leichter werdend. Ein paar Versuche weiter zu steigen, aber jedesmal zurück zum letzten Haken.

Heute, vielleicht 18, 20 Meter nach dem Umkehrpunkt hieß es: "Spieler schwach wie Flasche leer". Zum Zwischenhaken einen weiteren gesetzt - es werde Stand.

Franz kam nach, noch zwei Versuche und dann war klar: heute geht nichts mehr, selbst Nichtstun über­fordert mich. Runter!


"...als erstes muß ich eine Bandschlinge in den Gurt hängen, dann diese mit einem Schrauber in den Stand. Zuschrau­ben. Paßt alles? Okay, dann als Nächstes..." In diesem Stil ging es Handgriff um Handgriff und von Stand zu Stand nach unten. Was sonst Routine ist, wollte heute bis ins Detail überdacht und geprüft sein.

Vielleicht kann man anhand dieser Beschreibung er­ahnen, wie sehr mich das Einrichten dieser Seillänge ausgepumpt hat.

Vom dritten Stand erreicht man den Wandfuß nicht. Also einen Abseilstand einrichten, in meinem Zustand gar nicht so einfach. Immerhin muß man die Wand aufgrund der Steilheit erst anpendeln und sich selbst beim Bohren noch plagen. Aber dann: endlich unten!

Auch in diesem Jahr gab es keinen weiteren Anlauf, und auch nicht im darauf folgenden. Seit der fünften Seillänge bereitete das durchaus gemischte Gefühle: wie lange werde ich so etwas überhaupt noch gehen können? Aber andererseits auch: gottseidank, dann muß ich mich wenigstens nicht über die Monster­länge hinwegplagen!

Es folgte das Jahr 2018! Da war es schon einmal günstig, daß ich zumeist schon am Vortag zur Höllentalangerhütte hochging und dort übernachtete. Den schweren Bohrkram-Rucksack zum Wandfuß schleppen kostete immer noch ein paar Schweiß­perlen. Aber am Einstieg bereits angezählt - das war ich im Gegensatz zu den Vorjahren nicht.

Die Übernachterei hatte noch einen Nebeneffekt: den angebrochenen Tag konnte ich nutzen, meine "Berg-Blumen-Datenbank" zu ergänzen.

Erstes Juniwochenende 2018: Wand trocken, Temperaturen angenehm und Steigklemme sei Dank gar nicht soo schwer. In der gefürchteten Seillänge Nr. 5 bin ich ein paar Mal senkrecht aus der Wand geschossen, aber gut: anderswo muß man für so einen Spaß sogar bezahlen.

Am Umkehrpunkt übernahm ab jetzt Franz die Bohrerei. Im Unterschied zum alten Plan drängte Franz nach rechts. Das bedeutete: ein 20m-Quergang in nahezu strukturlosem Fels!

ein exponierter Quergang...

mit einem sehr respektablen Abstand zum zweiten Haken

Je weiter rechts, desto schwieriger wurde das Gelän­de. Auch Franz kam ins Stocken und mußte sich richtig plagen. Was natürlich nichts Gutes für mich bedeutete :-))

...

Am Ende des Quergangs wartete eine steile Loch­wand. Und heute - Zeichen und Wunder - hielten die Löcher, was sie optisch versprachen: zehn Meter sehr schöne Kletterei bis zu einer "interessanten" Kante, Stand.

"Nachkommen".

Manchmal birgt dieser Ruf auch etwas Furchtein­flößendes - und heute war das so. Ein Quergang im achten Grad: mehr sog' i net :-))

während der Rotpunktbegehung: Franz hat die Lochwand erreicht. Er hat gut lachen: er weiß, der rote Punkt gehört ihm...

An diesem Stand endeten die Hauptschwierigkeiten. Es folgte eine leichte siebte Seillänge, die stellen­weise alpiner angehaucht war, als die Route bislang. Dafür brachte sie uns zurück in eine gut abseilbare Linie. Schluß für heute.

Nur zwei Wochen später folgte Anlauf Nr. 5 mit ein paar Passagen 7- und 7 und auch in dieser Seillänge wieder alpine Teilstrecken, nix für Anreißer. Die anschließende 9te Seillänge lotet noch einmal die obere Grenze des siebten Grades aus - und hätte uns ein nahendes Gewitter nicht zum Rückzug gezwun­gen, wären wir wahrscheinlich am gleichen Tag noch mit der Route fertig geworden.

So aber: schnell hinunter! Kaum waren wir am Einstieg, legte das Gewitter richtig los, begleitet von heftigen Niederschlägen. Durch die Steilheit der Wand geschützt, saßen wir gemütlich unten und warteten im Trockenen das Ende des Regenvorhangs ab.

Anfang August mußte es dann klappen! Der neunten Länge fehlten noch fünf sechs Meter. Nummer zehn war kurz und leicht, wenn auch recht alpin. Fertig?

Wie sich herausstellte war die Felsqualität oberhalb gruselig: Sondierungsschläge mit dem Kletterham­mer sagten: "hier hohl". Weiter rechts "hohl", ein paar Meter links "hohl", oberhalb "hohl". Es schien, als wäre die Wand großflächig mit einer locker verbundenen Felshaut überzogen. Hier Expansionshaken setzen?

Die Tour sollte nach Möglichkeit sicher sein, keine Sicherheit vortäuschen.

Wir beschlossen "Fertig!" und beendeten damit am 09. August 2018 unser langjähriges Projekt an der Schwarzen Wand.

Einen Namen brauchten wir nicht ausdenken, er stand von Anfang an fest: "Das Jubiläumsbuch". Was es mit dem Namen auf sich hat, kann man anderswo auf "alpines-klettern" finden.


Fehlt noch eine "Kleinigkeit": erste Rotpunktbege­hung! Ich schlug vor, die Route zu dritt zu begehen: einer klettert, einer sichert, einer fotographiert. Franz hörte sich in seinem Freundeskreis um. Und genau eine Woche später, am 16. August sollte es schon so weit sein:

Thomas Holler, ein Bergführerkollege aus Garmisch kam mit. Der größte Teil der Bilder stammt aus dieser Aktion.

Thomas im Zehenspitzengefiesel der 6ten Seillänge

noch mal Thomas, einen halben Meter weiter :-)

Für Klettern, Sichern und nicht zuletzt das Einhängen des Fotographenseils auch hier nochmal ein großes Dankeschön an Thomas.

Zum Ende des Berichts noch eine Fotosequenz aus der Schlüsselseillänge ( 9+ ) während der ersten Rotpunktbegehung.

Nächstes Bild durch clicken auf   Weiter.

Schwierig, anstrengend, aufregend: das sind Begriffe die, und das gilt nur für mich persönlich, höchstens einen Streifschuß darstellen.

Einen Streifschuß am "Abenteuer Schwarze Wand", das mit Abstand Schwierigste und Anspruchsvollste, das ich je in Sachen Klettern unter­nommen habe.


Grüße, Hans