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2013 bis 2019: Klettern vor der eigenen Haustür

Der Peißenberger Alpinklettergarten


In einem abgelegenen Winkel der heimischen Am­mergauer Berge liegt der Peißenberger Alpinkletter­garten. Geneigte Wandkletterei und infolge der tau­sende Jahre einwirkenden Kraft des Wassers zu richtigen Henkelparaden aufgepimpt...

Der Plan zu einem "Peißenberger Klettergarten" ent­stand im Frühjahr 2007: erstmals kam damals der Kurs "Sicherungstechnik Fels" zustande.

Nach ersten Felskontakten sollten Andi und Michaela, beide Kursteilnehmer, eine alpine Route in Wechsel­führung gehen. Ich würde - als "Orientierungshilfe" so­zusagen - in der gleichen Route eine erste Seilschaft führen.

Schwierigkeit und Absicherung paßten, nur die Fels­qualität ließ stark zu wünschen übrig: immer wieder lange sprittrige Passagen, feinbrüchig, grobbrüchig bis hin zu immer wieder gut kopfgroßen, lockeren Brocken. Puuhhh...

Als schließlich alle heil oben waren, begannen mei­ne Nerven sich wieder langsam zu erholen. Irgendwo zwischen dort oben und dem späteren Bier auf der Hütte verfestigte sich die Vorstellung: mit Novizen Klettern gehen - ja, klar: aber wohin?

Moderate Schwierigkeiten, 4, 5, und vielleicht auch 6 wären angesagt, gut gesichert und vor allem: kletterfreundlicher, fester Fels.

Etliche benachbarte Routen, Mehrseillängenklettern sollte zumindest dabei sein, "alpine Umgebung" wäre ein Wunsch und keine sooo lange Anfahrt vielleicht auch noch. Wenn es ein solches Gebiet nicht gibt: man könnte sowas ja auch einrichten. Freilich müßte man ein geeignetes Gelände erstmal finden...

Ramona in der 4ten Seillänge der Route "Weihwasserkessel". Große Griffe, nach nächtlichem Regen wassergefüllt, waren namensgebend...

Am 17. August 2013, Wochenende, allerbestes Klet­terwetter und es war wie verhext! Niemand hatte Zeit. So ging ich wieder einmal "zum Sichten" und siehe da: ich wollte schon wieder einmal erfolglos zur Hütte trotten, da kam ich an einer langgestreckten, geneig­ten Wand vorbei, die recht vielversprechend aussah. Und gerade einmal 30 Autominuten von Peißenberg entfernt...

Robert in der 2ten Seillänge von "ois-isi"

.Nach dem Start in die 2te SL nimmt die Tour eine kurze Namenspause :-))

Irgendwie schmeckte das Hüttenbier heute beson­ders fein :-))

Taugt das was? Ist das lohnend, ist hier das, wonach ich lange gesucht habe?

Doch wieso lang sinnieren: schon am darauffolgen­den Wochenende fuhren Manni, ich und zwei schwere Rucksäcke dorthin, um einzuchecken.

Wir begannen im hintersten Winkel und stapften, an­ders kann man es nicht sagen, in Fels von verschwen­derischer Griffigkeit nach oben. 25 Meter, 5-, völlig kompakter Fels, kleiner Absatz, erster Stand. Was will man mehr?

Vom Stand weg führt ein System rauher Wasserrillen über einen Aufschwung, 5+, bei dem man ein, zwei Mal schon zupacken muß. Nach wenigen Metern stehe ich auf einem Absatz in der Wasserrille, Haken setzen.

Und ab sofort wird es nicht mehr schwerer als vierter Grad über rauhe Platten. Knappe 30 Meter, 4, Stelle 5+, bombenfester und unabschmierbarer Fels. Die nächste Seillänge wird mit 4- noch leichter, 20 Meter, Stand auf Absatz.

Stefan in der 2ten Seillänge der Route "Henkelspaß". Der Routenname paßt. Okay: sagen wir auf 95% der Kletterstrecke...

Vom 3ten Stand ginge es auch noch ein gutes Stück weiter. Doch bei genauem Hinsehen verriet der Fels hier seine ammergauer Herkunft, die für zweifelhafte Qualität bekannt ist.

Bis hierher und nicht weiter! Diese geflügelten Worte kamen heute und auch bei allen weite­ren Routen zu ihrem Recht.

Anstatt verkrampft noch die eine oder andere wenig schöne oder sogar gefährliche Seillänge anzuhängen, machen wir Schluß, sobald die Felsqualität nachläßt oder gar ins Brüchige übergeht.

Abseilstand eingerichtet, zurück zum Wandfuß, und dem Lockruf des Hüttenbieres folgen...

Jede Tour braucht einen Namen und oftmals ist die­ses Procedere mit einigem Gewürge verbunden. Heu­te war es einfach: genau so hatte ich mir die Wunsch­routen vorgestellt und ganz offensichtlich war hier noch Platz für etliche Routen. "Auftakt nach Maß" traf die Zufriedenheit mit dem heutigen Tag auf den Punkt und war daher der perfekte Routenname.


Andrea startet in die Flugverbotszone von "fei schee". Es folgen Griffe und Tritte im Überfluß. Aber wage es nicht, hier abzugehen...

Neben Manni kamen noch Tommy, Mike, Andrea, Kathi, Caro und Heike mit zum Einrichten. Derzeit existieren 17 Mehrseillängenrouten und insgesamt 54 Seillängen bei Schwierigkeiten von 3 bis 8.

Darunter ist "fei schee :-)" mit 5 SL, 4+ die leichteste und "Das donnernde Finale" mit 4 SL, 8 (7+/A0) die schwierigste Route im Gebiet.

Andrea in der linken Variante von "Aller Anfang ist schwer". Kleine Griffe, feine Tritte, aber davon genug. Für Flugversuche zu Beginn der 2ten Seillänge ist die Mitnahme von einem Quadratmeter Pflaster ratsam

Für die Routen aus dem Jahr 2014 beanspruchen die Einrichter zudem ein Quant Heldentum für sich, denn es war jedesmal naß und unahngenehm kalt :-)   Die nordseitige Ausrichtung tat ein übriges - im "Jahrhundertsommer 2015" erwies diese sich im Gegenzug als genial...

Dabei darf man sich im Grund nicht zu sehr über die Nässe beklagen: auf weite Strecken ist der Fels durch die Wirkung des Wassers unabschmierbar rauh, mit Rillen, Henkeln und Grifformen unterschiedlichster Art. Nicht zu vergessen: "eigentlich" klettert man stets an ammergauer Bruchfels, doch der Abtrag durch Wasser scheint schneller zu erfolgen, als das brüchig werden durch Frostsprengung. Neben dauerhaft nassen, brüchigen Tabubereichen entstanden so ausgesprochen kletterfreundliche Felszonen, die wir jetzt frech in "Peißenberger Alpinklettergarten" umgetauft haben.

Die beste Stelle ist nach der Schlüsselstelle :-))     Nico im "Eistanz"

    Wieso "Peißenberger Alpinklettergarten"?

Peißenberger...   weil wir alle von hier kommen. Und weil wir gerade "unsere" Novizen nach der Halle mit­nehmen möchten, um sie in einem ruhigen Gebiet an das Klettern in alpinem Ambiente heranzuführen. Das ist im Übrigen auch der Grund, wieso hier auf der Seite zwar die Touren beschrieben sind, aber nirgends steht, wo die Felsen genau liegen. Findige Zeitge­nossen bringen es trotzdem in Erfahrung, wohin sie müssen - aber zumindest auf dem Silbertablett ser­vieren wir das Gebiet nicht :-)

...Alpin...   zum einen natürlich, weil sich das Gebiet in alpinem Ambiente mit einer guten Stunde Zustieg befindet. Zum anderen aber auch, weil "Klettergarten" nicht mit "Bohrhakenrassel" zu übersetzen ist. Die nächste Sicherung kommt im Regelfall nicht nach zwei, drei Metern - es sind häufig eher vier oder fünf oder gelegentlich auch einmal mehr.

...Klettergarten...   als fixe Sicherungspunkte wurden nur Bohrhaken verwendet (aufgrund des leichten Ge­ländes sogar nur extra lange Haken). Es werden keine Klemmkeile benötigt, die aufgrund des kompakten Felses auch kaum anzubringen sind. Zusätzliche Sicherungspunkte wie Zacken- oder Sanduhrschlin­gen sind in der Regel bereits angebracht: eben typi­sche "Klettergartenabsicherung".

Kathi in der 4ten Seillänge von "Eistanz". Erster Vorstieg in alpiner Umge­bung - genau so war's gedacht.

Der Fels ist häufig helblau, grau, weiß gesprenkelt, der Bemalung eines Erlkönigs durchaus ähnlich

Für den Autofocus so mancher DigiCam die ultima­tive Herausforderung. Das gilt im Übrigen auch für das Auge des Vorsteigers bei der Suche nach dem nächsten Haken...

Andrea testet den Erlkönigeffekt in "fei schee". Zum Glück kann man so lange verkleinern, bis die Bilder scharf erscheinen :-))

Felsen, Schwierigkeitsgrade, Haken, Seillängen,   na­türlich sind das alles wichtige Begriffe, wenn über ein Klettergebiet gesprochen wird. Aber es gibt noch wei­tere Stichwörter, die auch hierher gehören: Blumen­vielfalt, Ruhe, Gamsherden, Hüttenbier:

Wir starten von einer Hütte in einem sehr wasserrei­chen Gebiet. Auf ein kurzes Waldstück folgen ab­wechs­lungsreiche Blumenwiesen, Bäche, ja und ein steiniger, zugegebenermaßen etwas lästiger Aufstieg zu einem Sattel (50 min ab Hütte).

Jenseits hinunter und nach weiteren 20 min steht man vor besagter langgestreckten Wand. Man quert eine Karwiese, die 2013 bis etwa halb unter die Wand ging. In der Zwischenzeit hat sich die Vegetation bis fast an den Wandfuß ausgebreitet.


Je nach Jahreszeit blühen die unterschiedlichsten Bleamen...

Im Spätsommer blickt man, Eisenhut-sei-Dank, hinunter auf ein Blumenmeer in tiefem Blau. Gemsen auf einer Karwiese, das ist im Grund nichts Besonderes. Aber solche Herden wie man sie hier gelegentlich sieht? Einmal - ich konnte sie nur schätzen - waren es sicher weit über 100 Tiere...

So, alpine Idylle, Blumenwiesen hin und Seillängen her: jetzt ist ausgeschnattert - wir wünschen euch viel Spaß im Peißenberger Alpinklettergarten...

Grüße, Hans